Letzte Woche beim Kinderturnen sangen wir ein Lied. Die Kids saßen auf dem Mattenwagen, den wir gemeinsam durch die Halle schoben und dabei folgende Zeilen trällerten: „Auf der Eisenbahn sitzt ein schwarzer Mann, zündt ein Feuer an, dass man fahren kann. Kinderlein, Kinderlein hängt euch dran, wir fahren mit der Eisenbahn. Tsch Tsch Tsch.“

„Auf der Eisenbahn sitzt ein schwarzer Mann.“

Ich hörte dieses Lied zum ersten Mal, das plötzlich etliche Gedanken in meinem Kopf auslöste. Wieso „schwarzer Mann“ fragte ich mich? Als Erwachsener weiß ich, dass damit ein Lokführer gemeint ist, der von der schwarzen Kohle ganz dunkle Haut bekam. Doch mein Kind kennt keinen „schwarzen Mann“ in diesem Sinne. Geschweige denn einen Lokführer in komplett schwarzer Montur und „Bemalung“ im Gesicht, wie es ihn zu meiner Kindheit vielleicht noch gab.

Wer weiß, wie sie sich dabei fühlte?

Neben meiner Tochter auf dem Mattenwagen saß ein süßes Baby mit einer dunkleren Hautfarbe. Wer weiß, wie es seiner Mama in diesem Moment ging, die neben mir lief und dieses Lied genauso mitsang wie ich. Vielleicht bemerkte sie es gar nicht? Vielleicht aber doch? Vielleicht machte sie diese Bezeichnung traurig? Vielleicht aber auch nicht? Fakt ist, dass diese Zeilen veraltet und verwirrend sind.

„Auf der Eisenbahn sitzt ein Mann, der hat etwas Schwarzes an…“

Ohne groß darüber nachzudenken suchte ich direkt im Anschluss den Kontakt zur Leiterin. Und ich bin im Nachhinein so froh, dass ich es getan und mich getraut habe. Ich bedankte mich für die Stunde und schlug ihr vor, die Zeile des Liedes in „Auf der Eisenbahn sitzt ein Mann, der hat etwas Schwarzes an…“ umzuwandeln. Ohne ihr zu erklären warum, wusste sie sofort, was ich damit meinte. Ihre erste Reaktion war etwas abweisend. Doch das war ok. Ich wollte nur einen kleinen feinen Anreiz setzen, weder belehren oder etwas schlecht machen. Kurz danach kam sie erneut auf mich zu und sagte, dass noch nie jemand dazu etwas gesagt hätte, es ihr selbst auch nicht aufgefallen ist und sie jetzt genauer darüber nachdenken wird. Diese Reaktion fand ich unglaublich stark von ihr.

Ich wünsche meiner Tochter, dass sie ihre Welt weiterhin gleichberechtigt wahrnimmt. Dass sie weiterhin vorurteilsfrei und unbeeinflusst auf andere Menschen zugeht, egal welche Hautfarbe sie haben. Ich wünsche es all unseren Kindern.

Edit: In einem Kommentar unter meinem Posting schrieb eine Leserin, dass sie gemeinsam in ihren Kursen „Ein starker Mann“ anstatt „Ein schwarzer Mann“ singen. Eine tolle Idee, die ich auch hier mit euch teilen möchte.