Neulich erhielt ich eine Nachricht einer Leserin, die mich sehr zum Nachdenken bewegte. In ihrer Message erzählte sie mir davon, dass sie selbst Mutter eines kleinen Sohnes sei und sich dazu entschied, keine Bilder seines frontalen Gesichts in den Sozialen Netzwerken zu veröffentlichen. Sie erzählte mir davon, dass ihre Familie diese Beweggründe nicht teilen würde und fragte mich in diesem Zuge, aus welchen Gründen ich mich dazu entschied, auch mein Kind nicht komplett zu zeigen. Eine wirklich gute Frage, auf die ich so schnell keine konkrete Antwort wusste.

Die Nachricht einer Leserin

Ich musste tatsächlich erst einmal genauer in mich hineinhören, um hierfür eine Antwort zu finden. Im ersten Augenblick schien es für mich eindeutig und „einfach“, ihre Frage zu beantworten. Doch im zweiten Moment verstand ich, weshalb sie nach Argumentationshilfen suchte.

Bevor unsere Tochter zur Welt kam, machten wir uns Gedanken darüber, wie wir es in Zukunft handhaben werden. Schließlich teile ich viele Momente meines Lebens im Internet, betreibe meinen eigenen Blog, der u.a. von Bildern lebt und bin damit selbständig tätig. Für uns war von Anfang an klar, dass wir ihr Gesicht nicht komplett zeigen möchten. Doch warum eigentlich nicht?

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Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als ich die frohe Botschaft der Geburt unserer Tochter auf meinen Kanälen verbreitete und das erste Foto von The Cutest online stellte. Ich war unfassbar stolz und hätte am liebsten der ganzen Welt mein gesundes und wunderschönes Kind gezeigt. So geht es  mir übrigens noch heute.

Doch nach dem Teilen des ersten Bildes ging es mir alles andere als gut. Ich fühlte mich schlecht damit, als hätte ich sie wildfremden Menschen zum Fraß vorgeworfen, um es ein wenig überspitzt auszudrücken. Ich fragte André etliche Male, ob man nicht doch zu viel von ihrem Gesicht sehen würde und überlegte, das Posting wieder zu löschen.

Beschützerinstinkt & Privatsphäre

Ich hatte diesen ausgeprägten Beschützerinstinkt in mir, der mir noch heute zur Seite steht und von dem ich mich so gut es geht leiten lasse. Der mir einfach ein besseres Gefühl bei meinen Entscheidungen gibt. Ein besseres Gefühl, meine Beiträge in diesem undurchsichtigen und unvorstellbar weitläufigen Netz ein wenig kontrollieren und somit ihre Privatsphäre weitestgehend schützen zu können.

Ich frage mich dennoch immer wieder, wie sie irgendwann einmal darüber denken wird? Darüber, dass ich sie im Internet „präsentiere“. Dass sie ein wichtiger Teil von Stylingliebe geworden ist. Unabhängig davon, dass es Instagram und Co. in 5 oder 10 Jahren vielleicht nicht mehr in dieser Form geben wird. Unabhängig davon, dass ich sie zwar nicht mit vollem Gesicht zeige, sie dennoch auf dem Großteil meiner Fotos zu sehen ist. Unabhängig davon, dass ich fremden Menschen von unserer sehr persönlichen Mutter-Tochter-Beziehung erzähle.

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Eine vergleichbare Erfahrung aus meiner Kindheit

In diesem Zusammenhang möchte ich euch von einer Erfahrung aus meiner Kindheit erzählen. Zusammen mit meinem Zwillingsbruder und meinen geschiedenen Eltern lebten wir in einer Kleinstadt von damals rund 20.000 Einwohnern. In dieser Stadt arbeitete meine Mutter an einer Grundschule und mein Vater, der gleichzeitig ein bekannter Fußballspieler war, an einer weiterführenden Realschule. Ich glaube, es gab fast niemanden in dieser Stadt, der meine Eltern nicht kannte.

Egal wohin wir gingen, ob zum Einkaufen, ins Schwimmbad oder nur vor die Tür zum Briefkasten. Unsere Privatsphäre war gleich Null. Doch ich glaube, ich war die einzige in unserer Familie, die das damals störte.

In der Grundschule, in der meine Mutter unterrichtete und die ich zeitgleich selbst besuchte, erzählte sie ihren Schülern hin und wieder gerne ein paar Anekdoten von uns Zwillingen. Heute, selbst aus der Sicht einer stolzen Mama, kann ich voll und ganz verstehen, dass sie es liebte von uns zu sprechen. Doch damals war es mir furchtbar unangenehm. Es war mir zu intim und auch peinlich. Ich wollte einfach nicht, dass wildfremde Kinder so viel über mich wussten, selbst wenn es „süße Geschichten“ waren, wie sie manchmal sagten. Zumal meine Mutter zuvor nicht mit mir darüber sprach, ob es in Ordnung wäre, diese Dinge über mich preiszugeben. Für sie war es ganz natürlich, ohne weiter nachzudenken.

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Kein unbeschriebenes Blatt

Egal wohin ich ging, ob in die Schule, in die Stadt oder in die Disco. Die meisten Menschen kannten mich bereits oberflächlich und Teile meiner Geschichte, obwohl ich sie nicht kannte. Sie hatten ein Bild von mir in ihrem Kopf, das entweder durch Erzählungen meiner Eltern oder eben durch die Sympathie/Antipathie gegenüber des Lehrerberufs meiner Eltern entstand. Hin und wieder hatte es Vorteile, doch im Großen und Ganzen wollte ich lieber ein „unbeschriebenes Blatt“ sein. Ein Stück weit anonym.

Ein wenig vergleiche ich diese Erfahrungen von damals, in denen ich mich oft unwohl fühlte, mit meiner heutigen Situation und versuche mich somit in die möglichen Gedankengänge meiner zukünftigen älteren Tochter hineinzuversetzen. Natürlich kann mir jetzt noch niemand sagen, wie sie die ganze Sache einmal sehen wird. Alles ist möglich. Doch ich habe jetzt die Möglichkeit, vorzubeugen und die aktuelle Lage meinem Empfinden nach nicht auszureizen.

Um die Frage meiner Leserin abschließend kurz und knackig zu beantworten: Ich habe ein besseres Gefühl dabei, mein Kind nicht komplett zu zeigen.

Wirklich interessieren würde mich, wie ihr dieses Thema seht und damit umgeht? Ich bin gespannt auf eure Denkweisen und neue Denkanstöße.

Euer Julchen ♥